Bauletter, BAULINKS.de-Meldungen, vom 28.5.2012

Nuklearer GAU wahrscheinlicher als gedacht?

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima hat weltweit Zweifel an der Kernenergie geschĂŒrt und in Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie angestoßen. Dass das Risiko einer solchen Katastrophe höher ist als bislang angenommen, belegt besagte Studie von Forschern um Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut fĂŒr Chemie in Mainz: „Nach Fukushima habe ich mich gefragt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein solcher Unfall wieder passiert, und ob wir die Verbreitung der RadioaktivitĂ€t mit unseren AtmosphĂ€renmodellen berechnen können.“ Den Ergebnissen der Untersuchung zufolge, dĂŒrfte es einmal in 10 bis 20 Jahren zu einer Kernschmelze in einem der derzeit aktiven Reaktoren kommen. Derzeit sind weltweit 440 Kernreaktoren in Betrieb, 60 weitere befinden sich in Planung. 


Weltweite Wahrscheinlichkeit einer radioaktiven Kontamination: Die Karte gibt in Prozent an, wie hoch die jĂ€hrliche Wahrscheinlichkeit einer radioaktiven Verseuchung von ĂŒber 40 Kilobecquerel pro Quadratmeter ist. In Westeuropa liegt sie bei etwa zwei Prozent in einem Jahr. Quelle: Daniel Kunkel, MPI fĂŒr Chemie, 2011

Um die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze zu ermitteln, stellten die Mainzer Forscher eine einfache Rechnung an: Sie teilten die Laufzeit aller Kernreaktoren weltweit von der Inbetriebnahme des ersten zivilen Reaktors bis heute durch die Zahl der bisherigen Kernschmelzen. Die Laufzeit der Reaktoren summiert sich auf 14.500 Jahre; die Zahl der Kernschmelzen betrĂ€gt vier - eine in Tschernobyl und drei in Fukushima. Daraus ergibt sich, dass es in 3.625 Reaktorjahren zu einem GAU kommt, dem grĂ¶ĂŸten anzunehmenden Unfall wie ihn die Internationalen Bewertungsskala fĂŒr nukleare Ereignisse (International Nuclear Event Scale, INES) definiert. Selbst wenn man dieses Ergebnis auf einen GAU in 5.000 Reaktorjahren aufrundet, um das Risiko konservativ abzuschĂ€tzen, liegt das Risiko 200mal höher als SchĂ€tzungen der US-amerikanischen Zulassungskommission fĂŒr Kernreaktoren im Jahr 1990 ergaben.

Ein Viertel der radioaktiven Partikel wird weiter als 2.000 Kilometer transportiert

FĂŒr ihre Studien unterschieden die Mainzer Forscher nicht, wie alt ein Kernreaktor ist, um welchen Typ es sich handelt oder ob er beispielsweise in einem besonders erdbebengefĂ€hrdeten Gebiet steht. So tragen sie der Tatsache Rechnung, dass es auch in einem vermeintlich sicheren Reaktor zu einer Kernschmelze kommen kann - nicht zuletzt, weil sich nicht alle möglichen Ursachen eines solchen fatalen Unfalls vorhersehen lassen. Schließlich hatte auch die Reaktorkatastrophe in Japan niemand fĂŒr möglich gehalten.

Nun bestimmten die Forscher die geografische Verteilung von radioaktiven Gasen und Partikeln rund um eine mögliche UnglĂŒcksstelle mit Hilfe eines Computermodells, das die ErdatmosphĂ€re beschreibt. Das AtmosphĂ€renchemie-Modell berechnet meteorologische GrĂ¶ĂŸen sowie chemische Reaktionen in der AtmosphĂ€re. Anhand des Modells kann man beispielsweise die globale Verteilung von Spurengasen berechnen und es daher auch fĂŒr Voraussagen zur Verbreitung von radioaktiven Gasen und Partikeln nutzen. Um die radioaktive Verseuchung nĂ€herungsweise zu ermitteln, berechneten die Forscher, wie sich Partikel des radioaktiven CĂ€sium-137 (137Cs) in der AtmosphĂ€re verbreiten und wo sie in welchen Mengen ĂŒber den Niederschlag in den Boden gelangen. Das 137Cs-Isotop entsteht als Zerfallsprodukt bei einer Kernspaltung von Uran, es hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren und bildete nach den Havarien von Tschernobyl und Fukushima einen wichtigen Teil der radioaktiven Belastung.

Die Simulation der Mainzer Forscher ergab, dass durchschnittlich nur acht Prozent der 137Cs-Emission in einem Umkreis von 50 Kilometern um ein verunglĂŒcktes Kernkraftwerk nieder gehen. UngefĂ€hr 50 Prozent der Teilchen wĂŒrde innerhalb von 1.000 Kilometern abgelagert, und etwa 25 Prozent wĂŒrde sogar weiter als 2.000 Kilometer transportiert. Diese Ergebnisse belegen, dass ReaktorunfĂ€lle weit ĂŒber Staatsgrenzen hinweg radioaktive Verseuchung herbeifĂŒhren können.

Westeuropa trÀgt weltweit das höchste Risiko einer radioaktiven Kontamination

Die Ergebnisse der Transportrechnungen kombinierten die Forscher mit der ermittelten Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze und der tatsĂ€chlichen Reaktordichte in der Welt, um zu bestimmen, wie oft eine radioaktive Kontamination droht. Laut Definition der Internationalen Atomenergie Behörde IAEA gilt ein Gebiet mit mehr als 40 Kilobecquerel RadioaktivitĂ€t pro Quadratmeter als kontaminiert. Zum Vergleich: Nach dem UnglĂŒck von Tschernobyl belastete der radioaktive Niederschlag von CĂ€sium-137 den Boden in Deutschland mit bis zu 40 Kilobecquerel pro Quadratmeter.

Wie das Mainzer Team nun feststellte, droht eine Verseuchung mit mehr als 40 Kilobecquerel pro Quadratmeter in Westeuropa, wo die Reaktordichte sehr hoch ist, durchschnittlich einmal in 50 Jahren. Im weltweiten Vergleich tragen die BĂŒrger im dicht besiedelten SĂŒdwestdeutschland durch die zahlreichen Kernkraftwerke an den Grenzen von Frankreich, Belgien und Deutschland das höchste Risiko einer radioaktiven Kontamination.

In Westeuropa wĂ€ren bei einer einzigen Kernschmelze durchschnittlich 28 Millionen Menschen von einer Kontamination mit mehr als 40 Kilobecquerel pro Quadratmeter betroffen. Noch höher ist diese Zahl in SĂŒdasien. Ein schwerer nuklearer Unfall wĂŒrde dort etwa 34 Millionen Menschen betreffen, im Osten der USA und in Ostasien wĂ€ren es 14 bis 21 Millionen Menschen.

„Der Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie verringert zwar das nationale Risiko einer radioaktiven Verseuchung. Deutlich geringer wĂ€re die GefĂ€hrdung, wenn auch Deutschlands Nachbarn ihre Reaktoren abschalteten“, resĂŒmiert Jos Lelieveld. „Notwendig ist nicht nur eine tiefgehende und öffentlich zugĂ€ngliche Analyse der tatsĂ€chlichen Risiken, die von Kernkraftwerken ausgehen. Vor dem Hintergrund unserer Erkenntnisse sollte meiner Meinung nach auch ein international koordinierter Ausstieg aus der Kernenergie in Betracht gezogen werden“, ergĂ€nzt der AtmosphĂ€renchemiker. ... Inwieweit die Intersolar in zwei Wochen dazu beitragen kann, werden wir sehen. Ein Knackpunkt der Energiewende - dezentrale Energiespeicher - stehen jedenfalls im Fokus:

  

Stromspeichertechnologien auf der Intersolar Europe 2012 
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