Bauletter, BAULINKS.de-Meldungen, vom 21.07.2023

Gastkommentar: Rule Maker und Rule Taker - oder: Viessmann und die Automobilindustrie

Die andauernde Diskussion um das „Heizungsgesetz“ verdeckt die eigentliche Transformation in der Heizungs- und Klimatechnik. Es ist der Technologiewandel hin zu elektrischen Wärmepumpen, die nicht mehr auf fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas basieren, sondern um einen Kern aus Kompressor- und Wärmetauscher-Technologie sowie Steuerungselektronik aufgebaut sind.

Mit diesem Technologiewandel verlieren frühere Kernkompetenzen an Bedeutung. Das sind die überwiegend mechanische Wertschöpfung rund um den Kessel und die über Jahrzehnte in der Fläche ausgebildeten Installateure, die mit Gas-, aber nicht mit Stromleitungen vertraut sind. Hier überlagern sich derzeit also zwei Wellen:

  • Das rasante Marktwachstum für Wärmepumpen mit globalen Champions wie LG im Wettbewerb und
  • die Erosion alter Erfolgsmuster.

Das Familienunternehmen Viessmann und seine Gesellschafter, denen mit der Umstellung von Öl auf Gas bereits eine grundlegende Transformation gelungen ist, haben dies offensichtlich erkannt und mit unternehmerischer Weitsicht und souveräner Distanz zum eigenen Ego bewertet. Das Ergebnis ist der Zusammenschluss mit einem starken Partner, um als „rule maker“ den Wandel von vorne zu gestalten und nicht als „rule taker“ abgehängt zu werden (siehe Bauletter vom 27.4.2023).

Ungleich größer als das Beispiel der Wärmepumpen ist der beginnende Wandel in der Bauwirtschaft. Anders als 200 Jahre nach der industriellen Revolution wird im Bauwesen immer noch handwerklich auf der Baustelle gearbeitet. Die Industrialisierung des Bauens läuft hier unter dem Schlagwort „Prefab“ oder „Modulares Bauen“ und meint die Verlagerung der Wertschöpfung vom Bauplatz in die Fabrik (siehe auch unser Modulbau.Magazin bzw. das Magazin für serielles / typisiertes Bauen). Es ist die notwendige und zugleich späte Antwort auf Kostenexplosionen, Ressourcenverschwendung und die Unplanbarkeit von Bauabwicklungen.

Die durchgängige Digitalisierung des Bauens mit BIM wirkt hier als Katalysator. Dementsprechend werden digitale Kompetenzen zukünftig ein elementarer Erfolgsfaktor für Unternehmen der Bauindustrie sein. Auch die Bauzulieferer müssen sich auf eine industrielle Wertschöpfung einstellen, die durch Entwicklungs-, Einkaufs- und Supply-Chain-Prozesse aus Industriegütermärkten bestimmt ist. Konkret: der dreistufige Vertrieb von 15-Liter-Eimern Bauchemie, der Palette Hohlziegel und der Dachbahn als 50-Meter-Rolle hat keine Zukunft!

Und die Automobilindustrie? Ist mit Blick auf Deutschland ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn man den industriellen Wandel negiert. Noch vor wenigen Jahren wurde mit ausgefeilten akademischen Begründungen die Untauglichkeit der Elektromobilität „bewiesen“ und weiter auf Verbrennersysteme gesetzt. Relevante Fakten, z.B. ca. 1.500 bewegliche Teile beim Verbrenner für Motor und Getriebe vs. ca. 200 beim E-Auto, waren schon damals verfügbar und der Klimawandel auch keine Neuigkeit mehr. Das Ergebnis sind heute marktführende Automobilhersteller aus den USA und China, die die deutschen Hersteller bei der Elektromobilität auf die Plätze verweisen.

Fazit: Jede Transformation muss aus der Vogelperspektive auf ihre Transformationsnotwendigkeit geprüft werden. Das heißt: Es ist zu klären, was in welchem Umfang und wie schnell geändert werden muss. Zudem sollte das Transformationsvermögen des Unternehmens – von der Organisation bis zur Finanzkraft – genau geprüft werden. Nur wenn diese Faktoren zusammenpassen, wird die Transformation gelingen.

Kommentar von Dr. Stephan Hundertmark, Partner & Leiter Bau/Chemie und Dr. Volkhard Emmrich, Managing Partner bei Dr. Wieselhuber & Partner (W&P)
  

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